In dieser Rubrik stellen wir Menschen vor, die ihre zweite Chance für einen Neuanfang in ihrem Leben genutzt haben und heute für andere da sind, Menschen, die ihre Hilfe und Unterstützung benötigen.

Steffen Andritzke

Steffen Andritzke hat seine zweite Chance genutzt: Heute ist er für die Aktion Mensch tätig und hat den Verein „Halbstarke e. V.“ gegründet. Als Sportsozialarbeiter setzt er sich für Kinder und Jugendliche ein, die aus sozial schwachen Bereichen kommen – mehr als Dreiviertel von ihnen haben einen Migrationshintergrund.

Doch es gab auch dunkle Zeiten in Steffens Leben: Zeiten, in denen er in die Hooligan-Szene abgerutscht waren, Zeiten, in den Drogen, Alkohol, Schlägereien und Gewalt sein Leben bestimmten.

Doch Steffen kämpfte, stieg aus und entschied sich für ein Leben ohne Drogen und Gewalt, ein Leben, über das er heute sagt:

 

„Ich möchte mit meinem schlechten guten Beispiel anderen Menschen zeigen, dass man auch aus dem größten Mist wieder rauskommen kann. Ich will jungen Menschen etwas mitgeben, damit sie die Fehler, die ich gemacht habe, nicht auch machen.“

 

Hier erfahren Sie mehr über Steffens Geschichte.

(Foto: Dirk Päffgen)

Cheyenne


Freitag, 29. Januar 2016. Heute bin ich zu Gast bei Affidamento im Berliner "Frauenzentrum am Richardplatz" im Stadtteil Neukölln. Ich stehe vor einem alten, gemütlich wirkenden, mit Efeu berankten Haus und klingele. Wenig später öffnet mir eine freundliche ältere Dame die Tür und geleitet mich in den ersten Stock, wo mich die Sozialarbeiterinnen Caroline und Stephanie bereits erwarten und mich lächelnd begrüßen. Caroline hat ihren kleinen Sohn um den Bauch geschnallt. Er ist ein bezaubernder kleiner Fratz, der mich mit seinem sonnigen Wonneproppen-Lächeln anstrahlt und mein Herz erwärmt. Von Anfang an fühle ich mich sehr wohl hier. Es herrscht eine herzliche, familiäre Atmosphäre. Ich spüre, dass diese beiden Sozialarbeiterinnen sehr viel mehr tun als nur ihren Job. Sie helfen - und zwar nicht nur während ihrer Arbeitszeit, sondern weit darüber hinaus. Viel Herzblut, Engagement und Wärme haben sie bislang in dieses Projekt gesteckt. Während Stephanie mir einen Tee macht, setzen wir uns an den großen Besprechungstisch in einem schönen Raum mit grauen Holzbalken und viel Licht und sprechen über ihr Projekt, das Frauenzentrum. Der gemeinnützige Verein Affidamento unterstützt seit vielen Jahren Frauen in schwierigen Lebenssituationen. Er bietet ihnen Schutz, ja, ein neues zu Hause: Darunter sind Frauen, die von schwerer Krankheit gebeutelt wurden und ihre Existenzgrundlage verloren haben, Frauen, die als Flüchtlinge in unser Land gekommen sind und Schreckliches im Krieg erlebt, Frauen, die häusliche Gewalt erfahren haben, und solche, die ins Rotlichtmilieu geraten und auf der Straße gelandet sind. Caroline und Stephanie erzählen mir, dass es ihnen wichtig ist, diesen Frauen, die in ihrem Leben wenig Liebe erfahren haben, immer stark sein mussten, gekämpft haben, und jetzt mit ihren Kräften am Ende sind, einen sicheren Ort, Halt und Schutz zu geben. Sie wollen ihnen das Gefühl vermitteln, dass endlich jemand für sie da ist, sie unterstützt und ihnen dabei hilft, ihren Weg zurück in ein normales Leben ohne Gewalt, ohne Missbrauch und ohne Angst zu finden.

 

Eine dieser Frauen ist die 41-jährige Cheyenne. Als sie wenig später den Raum betritt, sehe ich eine ungeschminkte, natürlich schöne Frau mit langen rotbraunen Haaren und feinen Gesichtszügen. Während ich ihr gegenübersitze, spüre ich ihre anfängliche Skepsis, ihre Reserviertheit, und ich sehe, wie aufgeregt, ja, nervös sie ist. Ihren Blick hält sie starr nach unten gerichtet, traut sich nicht, mir in die Augen zu schauen. Als ich meine ersten Fragen stelle, erzählt sie mir schließlich, dass sie drei Kinder hat, keine Ausbildung, nur einen Hauptschulabschluss absolviert und seither in verschiedenen Berufen gearbeitet hat: In der Pferdepflege, im Gastronomiebereich, als Kellnerin und in der Küche. Und doch spüre ich, dass das längst nicht alles ist, merke, wie Stück für Stück die Anspannung von ihr abfällt und sie Vertrauen zu mir fasst. Wenig später eröffnet sie mir, dass sie auch Prostituierte war. Zum ersten Mal sieht sie mir dabei direkt in die Augen, mustert mich mit scheuem, skeptischem Blick. Als sie jedoch spürt, dass ich sie nicht verurteile, sondern genauso annehme, wie sie ist, entwickelt sich zwischen uns eine herzliche, offene Gesprächsatmosphäre. Ich respektiere und schätze sie als Mensch so wie sie ist – denn trotz der fruchtbaren Dinge, die sie gerade während ihrer Zeit im Rotlichtmilieu erlebt hat, ist sie eine mitfühlende Frau geblieben, die sich ihre Mitmenschlichkeit, ihre Hilfsbereitschaft und Herzenswärme bewahrt hat. Einige Zeit hat sie in einem Saunaclub gearbeitet, so erzählt sie mir, bis sie schließlich immer tiefer ins Rotlichtmilieu gerutscht ist. Ein Ausstieg war bald nicht mehr möglich. Sieben Jahre lang hat sie als Prostituierte auf dem Straßenstrich, im Saunaclub, im Escort-Service und im Bordell gearbeitet. Während unseres Gespräches wird mir Cheyenne so tiefe Einblicke in die Abgründe der menschlichen Seele eröffnen, dass es manchmal schwer für mich sein wird, ihren Ausführungen zu folgen …

Aber nicht nur über diese Zeit in ihrem Leben werden wir sprechen, sondern auch darüber, wie sie ein Jahr lang - praktisch auf der Straße - sich und ihre drei Kinder durchgebracht hat, wie sie zu ihrem Glauben gefunden hat, warum sie heute anderen Menschen hilft und weshalb es ihr so schwer fällt, Vertrauen zu Männern zu fassen. Wir sprechen über das, was wirklich zählt im Leben. Für Cheyenne sind das: „Kinder, Liebe, Menschlichkeit und Respekt gegenüber anderen Menschen.“ Am meisten wünscht sie sich „Frieden und dass es keine Krankheiten gibt, ... dass das Geld abgeschafft wird, und jeder die gleiche Chance bekommt, aus seinem Leben etwas zu machen.“ Das alles sind sehr bescheidene Wünsche, für die sie meinen größten Respekt hat.

Lesen Sie hier Cheyennes Geschichte.