Wolfgang Bosbach

Als ich überlegte, ob ich für meine Reihe „Was wirklich zählt im Leben“ einen Politiker interviewen soll, ist mir sofort Wolfgang Bosbach in den Sinn gekommen. Wie kein anderer Politiker steht Wolfgang Bosbach für Glaubwürdigkeit, Geradlinigkeit, Authentizität und für Menschlichkeit in der Politik. Er ist einer der wenigen Politiker, die sich nie „verbogen“ haben, einer, der seine Überzeugungen nie aus falsch verstandener Loyalität verraten oder Parteiinteressen geopfert hat – auch dann nicht, wenn ihm der Gegenwind stark ins Gesicht blies. Kurz: Wolfgang Bosbach ist ein Vorbild - nicht nur für Nachwuchspolitiker, sondern für viele Menschen in unserem Land; so auch für mich.

 

Es ist nun schon fast siebzehn Jahre her, dass ich jung und ambitioniert genug war, um mir vorzustellen, einmal in die Politik einzusteigen. Schnell musste ich damals jedoch feststellen, dass Fleiß, Idealismus und Engagement allein nicht ausreichten, denn es ist vor allem eines, was man hier mehr denn je braucht: Ellbogen. Schon bald verstand ich, wie viel Wahrheit doch in dem alten Spruch "Feind, Todfeind, Parteifreund" steckte. Gerade als ich für Traudl Herrhausen – einer der aufrichtigsten, integersten, ehrlichsten und warmherzigen Menschen, mit denen ich je zusammenarbeiten durfte - während meines Studiums arbeitete, bekam ich mit, wie Politik wirklich funktioniert. Ziemlich schnell war für mich klar: Das ist nichts für mich! Eine Entscheidung, die ich bis heute nicht bereut habe, auch wenn mich zuweilen etwas Wehmut überkommt, sobald ich hin und wieder „politische Luft“ schnuppere.

 

Als ich an diesem Montag mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof fahre und zu Fuß den Weg über die Fugängerbrücke über die Spree hin zum Paul-Löber-Haus gegenüber dem Kanzleramt gehe, tue ich das mit durchaus gemischten Gefühlen. Zugleich bin ich ungeheuer gespannt, wie wohl der Mensch Wolfgang Bosbach jenseits des Bildes, das die Medien von ihm zeichnen, wirklich ist. Wenig später gehe ich durch die Sicherheitskontrolle, bekomme einen Besucherausweis und warte darauf, dass ich abgeholt werde. Kirsten Sittig, seine Sekretärin, die mich sofort mit ihrer ausgesprochen natürlichen, herzlichen und zugewandten Art für sich einnimmt, begleitet mich nach oben, in sein Büro. Und während wir ein wenig über ihre Arbeit plaudern, merke ich sofort: Kirsten Sittig ist einer der wenigen Menschen, die das, was sie tun – ähnlich wie ihr Chef – mit Leidenschaft tun.

Wolfgang Bosbach empfängt mich freundlich und während unseres Gespräches lerne ich einen Menschen kennen, der auf mich kämpferisch, pointiert, geradlinig, menschlich, zugewandt, glaubwürdig und bodenständig wirkt. Und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass genau dieser Mensch der Politik noch lange erhalten bleibt.


Lesen Sie hier das gesamte Interview.

Roland Kaiser

 

Montag, der 18. Mai. Gespannt stehe auf dem Bahnsteig 13 des Berliner Hauptbahnhofs und hoffe, dass mein ICE nach Münster pünktlich ist. Ja, ich bin aufgeregt. Mehr, als ich es vor dem Interview war, das ich in meiner Studentenzeit mit unserem Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl geführt habe. Schließlich waren es Roland Kaisers unvergessliche Melodien, die mich durch meine Teenagerzeit im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat DDR begleitet und mir so manche triste, manchmal hoffnungslose Zeit bunter und lebenswerter gemacht haben. Mit seinen Liedern konnte ich dem verhassten Einheits-Grau, den Parolen der sozialistischen Kader und dem vom Staat in ebenso sorgfältiger wie beängstigender Art und Weise  vorgezeichneten Leben zumindest einige Augenblicke lang entfliehen. Mit seiner „Midnight Lady“, konnte ich mich wegträumen oder "zu den Sternen“, in eine ferne, eine bessere Welt „fliegen“... Und dass diese eines Tages kommen würde, habe ich immer gehofft. Als die Mauer am 9. November 1989 endlich fiel, erfüllte sich damit für mich ein lang gehegter Wunsch.  Und nun stehe ich hier mitten in Berlin und warte auf den ICE, der mich in die Universitätsstadt Münster in Westfalen bringen soll. Als er schließlich mit knapp dreißig Minuten Verspätung endlich einfährt, fällt mir ein kleiner Stein vom Herzen. Vier Stunden später treffe ich – noch immer pünktlich zur vereinbarten Zeit - in dem kleinen Hotel in Münster ein. Ich suche mir eine ruhige, gemütliche Ecke in der Hotelbar und dann kommt er auch schon: Roland Kaiser. Lässig steht er vor mir, lächelt mich an und sieht mit seinen Jeans, den Turnschuhen und dem blauen Schal unverschämt jung aus. Wir setzen uns und kommen natürlich auf den Lokführerstreik der Deutschen Bahn zu sprechen. Als Roland Kaiser mir mit unüberhörbarer Ironie erklärt „Ich bewundere Ihren Mut, in diesen Tagen auf die Bahn zu setzen“, muss ich ihm  Recht geben. Es war ein unkalkulierbares Abenteuer und ich hatte Glück, dass es klappte (nur wenige Stunden später sollte die GDL erneut Streiks ankündigen). Er kritisiert den Streik, denn schließlich treffe er die Falschen, nämlich die, die am meisten auf die Bahn angewiesen sind: Die Pendler, die jeden Tag zu ihrer Arbeits- oder Ausbildungsstelle gelangen müssen. Während es bei der GdL vor allem um gewerkschaftsstrategische Ziele geht, kommen wir über diese Diskussion auch zur Frage nach dem gerechten Lohn. Einer Frage, über die sich stundenlang trefflich – meist ohne Ergebnis – philosophieren lässt. Ist es wirklich fair, fragt Roland Kaiser, wenn ein Bankmanager vier oder fünf Millionen Euro verdient, aber ein Arzt mit ein paar hundertausend Euro Jahresgehalt nach Hause geht? Wer von beiden trägt mehr Verantwortung? Der Bankmanager, der sich verspekuliert hat und seine Fehler abstreift wie ein nasses Hemd und nicht selten einen Schaden in Milliardenhöhe hinterlässt oder der Arzt, bei dem es um Leben und Tod geht und der - ganz egal, was auch passiert - für seine Fehler einstehen muss? Kaiser spricht schnell, emotional und man spürt, dass ihm soziale Themen wirklich am Herzen liegen. Er ist ein ausgesprochen empathischer Mensch, bei dem ich von Anfang an wahrnehme, dass er echtes Interesse an seinem Gesprächspartner hat. Immer wieder fragt er nach, will wissen, was ich denke oder was mich umtreibt. Ja, er ist ein tiefgründiger Mensch, den das Leben vor allem durch seine Tiefpunkte, die, wie er sagt, wichtiger sind als die Höhen, gelehrt hat, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Während wir uns unterhalten, kommt eine ältere, orientierungslos wirkende Dame vorbei. Roland Kaiser fragt sie sofort, ob er helfen kann. Als sie antwortet: „Ja, ich suche das Kuchenbuffet“ müssen wir beide schmunzeln und er erklärt ihr lächelnd den Weg. Das Bild, das ich in dieser kleinen Sequenz von dem Menschen Roland Kaiser gewinne, wird sich im Laufe unseres Gespräches festigen: Es ist das eines pragmatischen Menschen, der anpackt, wenn er spürt, dass Menschen Hilfe brauchen und der hinschaut, wo viele andere lieber wegsehen. Kurz: das eines Menschen mit dem Herz auf dem rechten Fleck!

 

Lesen Sie hier das komplette Interview.

(Foto: Paul Schirnhofer)

 

Margit Ricarda Rolf

Mittwoch, 8. April: Heute spreche ich mit einer der interessantesten Frauen, die ich bislang interviewen durfte: Mit der 61-jährigen Margit Ricarda Rolf. Couragiert und beherzt setzt sie sich für ein „Leben ohne Angst“ ein. Sie kämpft als Gründerin und Leiterin der Mobbingzentrale für Mobbingopfer und Aussteiger und engagiert sich außerdem für Menschen, die die Zeugen Jehovas - jene umstrittene Glaubensgemeinschaft, die Misha Anouk in seinem Buch als „Paradies GmbH“ bezeichnet - verlassen wollen. Sie setzt sich ein für Menschen, die sich von den Zeugen belästigt fühlen oder für solche, die Gefahr laufen in deren Fänge zu geraten. Ricarda, die selbst 15 Jahre lang Zeugin Jehovas war, möchte, dass Menschen verstehen, dass dies keine harmlose Religionsgemeinschaft ist, sondern eine destruktive Sekte, die Familien und Menschenleben zerstört. Man spürt in jedem ihrer Worte, dass es ihr ein Herzensanliegen ist. Erst jetzt, nachdem ich das Buch „Goodbye Jehova!“ von Misha Anouk gelesen habe, ahne ich, warum es Ricarda so wichtig ist, dass Menschen ohne Angst leben können – tut die „Glaubensgemeinschaft“ doch wirklich alles, damit das nicht möglich ist: Ihre „Jünger“ leben ständig mit einem „Schleier der Sorge, der Angst, der Verantwortung, der sich über alles legt.“[1] Angst, die sie erdrückt, Angst, dass Harmagedon kommt und die Welt untergeht, sie haben Angst, nicht genug gepredigt zu haben, Angst vor Jehova, Angst vor der Sünde – ja, sie haben Angst vor dem Leben! Was diese ständige Angst aus Menschen macht, darüber berichtet Ricarda in unserem Gespräch. Sie spricht über Aussteiger, die ständig auf der Suche sind, stets auf der Jagd, um das, was sie die ganze Zeit über vermisst haben, nachzuholen. Dabei flüchten sie sich in Drogen und Alkohol oder stürzen sich in flüchtige Sexabenteuer. Und es gibt auch die wirklich tragischen Fälle von Menschen, die an ihrem Ausstieg zerbrechen, dem psychologischen Druck nicht standhalten, sozial isoliert sind und sich das Leben nehmen. Bei einer Umfrage gaben über 85 Prozent der Zeugen Jehovas an, Glaubensgeschwister zu kennen, die Selbstmord begangen haben.“[2]

 

Lesen Sie hier das komplette Interview:

[1] Anouk, M. (2014), kindle edition

[2] Anouk, M. (2014), kindle edition